Januar 15, 2026

Laute Nachbarn, Tragödien, Abstiege, Titel und Solidarität  – Die merkwürdige Rivalität zwischen dem roten und dem blauen Manchester

Von Adam Englert

„Manchmal hat man einen lauten Nachbarn und man muss damit leben. Man kann nichts dagegen tun…Man muss einfach sein Leben weiterleben, den Fernseher einschalten und ihn ein bisschen lauter drehen, um sie zu ignorieren.“

Im Jahr 2009 prägte Sir Alex Ferguson dieses Zitat, das später in die englische Fußball-Folklore eingehen sollte. Es war eine verbale Reaktion auf die Übernahme des Stadtrivalen Manchester City durch Kronprinz Sheikh Mansour aus Abu Dhabi, die den blauen Teil Manchesters von einer chaotischen Fahrstuhlmannschaft über Nacht zum reichsten Klub der Welt gemacht hatte.

Ferguson dürfte sich bei dieser Metapher in jenem Moment kaum größere Gedanken gemacht haben. Doch die Trainerlegende konnte nicht ahnen, dass dieses Zitat die Rivalität der beiden Klubs aus der nordenglischen Arbeiterstadt für mehr als ein Jahrzehnt treffend beschreiben würde.

Doch vor 2008 und der Übernahme durch das Konsortium aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es über 100 Jahre gemeinsamer Geschichte der beiden Vereine, die zunächst ein etwas anderes Bild zeichnen:


Die frühen Jahre beider Klubs, die 1878 als Newton Heath (United) und 1880 als St. Mark’s (City) gegründet wurden, verliefen für beide Teams achterbahnartig, geprägt von Auf- und Abstiegen.

Das erste Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften fand am 12. November 1881 statt, als St. Mark’s – der Verein, aus dem später Manchester City hervorging – Newton Heath LYR – den späteren Manchester United – empfing. Die Partie endete 3:0 zugunsten von Newton Heath.

Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Klubs lediglich zwei von vielen jungen Mannschaften im Raum Manchester, und die Begegnung hatte keine besondere Bedeutung. Im Laufe der 1880er Jahre gewannen beide Vereine jedoch zunehmend an Relevanz, entwickelten sich zu den dominierenden Teams der Region und wurden schließlich 1892 in die Football League aufgenommen: Newton Heath in die First Division, Ardwick (der zweite Name von City nach St. Mark’s) in die Second Division.

Manchester City gewann mit dem FA Cup 1904 als erster der beiden Manchester-Klubs einen Titel. United hingegen entwickelte sich unter Trainer Ernest Mangnall mit den Meisterschaften 1908 und 1911 sowie dem FA-Cup-Sieg 1909 zu einem Spitzenteam.

Die Citizens wurden 1937, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, englischer Meister. Dennoch verlief die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts für die beiden Manchester-Klubs insgesamt weiterhin wechselhaft.


Dies änderte sich schlagartig, als ein ehemaliger Spieler Manchester Citys, Matt Busby, bei United anheuerte. Die Red Devils, deren Stadion Old Trafford im Krieg von der Luftwaffe beschädigt worden war und die deshalb auf die Maine Road, das Stadion von Manchester City, ausweichen mussten, befanden sich in einer verarmten und finanziell prekären Lage – so sehr, dass man sich in den ersten Jahren nach dem Krieg nicht einmal neue Trikots leisten konnte.

Nichtsdestotrotz gelang es Matt Busby, den schlafenden Riesen zurück an die Spitze zu führen: zunächst mit vier Vizemeisterschaften zwischen 1947 und 1951, ehe man 1952 endlich nach 41 Jahren Durststrecke die Division One (Vorgänger der Premier League) gewann.

Doch es waren die Jahre danach, die Busby unsterblich machen sollten. Nach dem Titel 1952 war die Mannschaft veraltet, weshalb dringend neue Spieler verpflichtet werden mussten. Busby hatte jedoch eine andere Idee: Statt externe Stars zu holen, ersetzte er nach und nach die älteren Spieler durch Talente im Alter von 16 und 17 Jahren.

Dazu gehörten der Rechtsverteidiger Bill Foulkes, die Innenverteidiger Mark Jones und Jackie Blanchflower, die Flügelspieler Albert Scanlon und David Pegg sowie der Stürmer Billy Whelan. Unter ihnen befand sich Duncan Edwards, der von vielen als Englands bester Spieler seiner Generation angesehen wurde und bereits im Alter von 17 Jahren sein Debüt in der englischen Nationalmannschaft feierte.

Die sogenannten Busby Babes wurden geboren und verzückten nicht nur England, sondern ganz Europa mit ihrer furchtlosen Spielweise und ihrem jugendlichen Charme. Busbys Jugendstil war nicht nur populär, sondern auch erfolgreich, sodass man 1956 und 1957 zwei weitere Meistertitel folgen ließ. Manchester United war anders als der Nachbar aus der selben Stadt an der nationalen Spitze angekommen. Somit fehlte lediglich ein europäischer Titel, um endgültig zum Weltclub aufzusteigen.


IIm Jahr 1958 sprach alles dafür, dass dieser Traum gelingen könnte. Im Viertelfinale schlug man Roter Stern Belgrad, womit nur noch zwei Schritte zum ersten Titel fehlten. Auf dem Rückflug aus Belgrad sollte dieser Traum jedoch zerbrechen.

Beim Start nach dem Zwischenstopp in München konnte das Flugzeug im Schneetreiben nicht richtig abheben, bevor es mit einem Gebäude kollidierte und abstürzte. Bei dem Unglück kamen 23 Menschen ums Leben, darunter acht United-Spieler: Geoff Bent, Roger Byrne, Eddie Colman, Mark Jones, David Pegg, Tommy Taylor, Billy Whelan sowie das Jahrhunderttalent Duncan Edwards.

Eines der Todesopfer war der Journalisten und einer der beliebtesten Söhne von Manchester City, der ehemalige englische Nationaltorhüter Frank Swift, der acht Jahre zuvor seine Karriere beendet hatte und die Partie für die News of the World begleitete.

Als die Nachricht von dem Flugzeugabsturz nur langsam nach England durchsickerte, herrschten Fassungslosigkeit und völliges Entsetzen darüber, dass so viele junge, talentierte Fußballer und angesehene Funktionäre unter derart schrecklichen Umständen ihr Leben verloren haben könnten.

Die ganze Welt war erschüttert, doch in Manchester saß die Trauer noch viel tiefer.

Die Menschen der Stadt hielten in den unglaublich schmerzhaften Tagen danach zusammen und unterstützten sich gegenseitig. Und während Manchester United begann, sich mit der grausamen Realität der Situation auseinanderzusetzen, war es Manchester City, das seinen Nachbarn in ihrer dunkelsten Stunde beistand.

So wie City nach dem Bombenangriff auf Old Trafford im Zweiten Weltkrieg sofort angeboten hatte, das Stadion mit den Red Devils zu teilen, war der Verein auch diesmal wieder da und bot jede mögliche Hilfe an, vereint als eine Leidensgemeinschaft.

Der City-Vorsitzende Alan Douglas veröffentlichte unmittelbar nach der Tragödie eine Erklärung und sagte:

„Diese Tragödie hat mich zutiefst erschüttert. Ich kannte viele der Beteiligten persönlich und habe den Angehörigen derjenigen, die möglicherweise ums Leben gekommen sind, mein tiefstes Mitgefühl ausgesprochen. „Es tut uns unendlich leid für United, und wenn wir in irgendeiner Form helfen können, werden wir es tun.“

Der deutsche City-Torhüter Bernd Trautmann, der nach dem Rücktritt von Frank Swift scheinbar unmöglich große Fußstapfen erfolgreich ausgefüllt hatte, fügte hinzu:

„Ich kann immer noch kaum glauben, dass diese Männer, deren Hände ich so lange in Freundschaft gehalten habe, nicht mehr unter uns sein sollen. So empfinden wir alle an der Maine Road. Es hat uns sehr hart getroffen, denn auch wenn wir vielleicht Uniteds stärkste Rivalen waren, sind wir zugleich Nachbarn – und das bedeutet auch Freunde.“

Im Februar 1958 ist der Fußball in der sport-verrückten Stadt Manchester zur Nebensache geraten, doch trotz Schmerz und Trauer musste das Leben und auch der Fußball weitergehen.


Dank Busbys Assistenten Jimmy Murphy gelang es United, aus dem Unglück gestärkt hervorzugehen und eine neue Mannschaft aufzubauen, die ebenfalls erfolgreich war. So gewannen die Red Devils nur sieben Jahre nach der Tragödie, 1965, den nächsten Meistertitel und wiederholten diesen Erfolg 1967 mit einer neuen Spielergeneration, zu der Bobby Charlton, Nobby Stiles, Denis Law und der aufstrebende Shootingstar George Best gehörten.

1968 gelang Manchester United schließlich das, woran bis dahin kein englischer Verein zuvor erreicht hatte. Im Finale von Wembley besiegte die Elf von Matt Busby Benfica mit 4:1 nach Verlängerung und krönte sich erstmals zum Pokalsieger der Landesmeister.

Nur zehn Jahre nach der Tragödie von München war der Klub wie ein Phönix aus der Asche auferstanden. Aus einem verarmten Arbeiterverein aus dem Norden Englands war eine Legende des europäischen Fußballs geworden.

Manchester City sollte zur selben Zeit diese Höhen noch nicht erreichen, doch auch die Citizens erlebten Ende der 1960er Jahre eine goldene Phase: 1968 gewann man nach 1936 den zweiten Meistertitel, zudem folgte 1969 der Gewinn des FA Cups und schließlich 1970 der erste europäische Titel mit dem Pokalsieg im Pokal der Pokalsieger.

City verbesserte sich nach und nach zum Primus der Stadt, was auch mit der sportlichen Talfahrt Uniteds nach dem Landesmeisterpokal 1968 und dem Rücktritt von Matt Busby zusammenhing.


Dieser sportliche Kontrast mündete 1974 im sogenannten Denis-Law-Game. United-Legende und Ballon-d’Or-Sieger Denis Law war im Vorjahr von United zu City gewechselt und spielte nun wieder im Old Trafford, wo United am letzten Spieltag gegen den Abstieg kämpfte.

Nach 80 Minuten stand es noch 0:0, als Francis Lee den Ball zu Denis Law spielte, dem ehemaligen United-Spieler, der mit dem Rücken zum Tor stand. Law beförderte den Ball mit der Hacke am Torhüter Alex Stepney vorbei ins Netz. Es war Laws letzter Einsatz im Ligafußball; kurz darauf gab er seinen Rücktritt bekannt.

In den Schlussminuten der Partie stürmten United-Anhänger das Spielfeld und erzwangen einen Spielabbruch. Das Ergebnis blieb jedoch bestehen, und andere Resultate bedeuteten, dass United selbst bei einem Sieg oder Unentschieden in diesem Spiel abgestiegen wäre.

United stieg glücklicherweise sofort wieder auf. Dennoch sollten die nächsten eineinhalb Dekaden für beide Teams keine großen Titel bringen. City mutierte wieder zur Fahrstuhlmannschaft, während United seinen großen Erfolgen aus den 1950er- und 1960er-Jahren nachtrauerte und seinem anderen Rivalen, dem FC Liverpool, zusehen musste, wie dieser Jahr für Jahr Titel einheimste.


So konnten sich beide Teams nicht aus dem nationalen und internationalen Mittelmaß befreien, ehe 1986 ein weiterer Schotte, Alex Ferguson, bei United anheuerte. Fergie benötigte zunächst einige Anlaufzeit, konnte aber nach und nach den roten Teil Manchesters wieder erfolgreich machen, was 1990 mit dem FA-Cup-Sieg belohnt wurde.

Im Sommer 1992 wurde die erste englische Liga, damals Division One, in die Premier League umbenannt und professionalisiert. Im Fall von Manchester United schien es, als wäre ein magischer Schalter umgelegt worden: 1993 holte United den ersten Titel und verteidigte ihn ein Jahr später erfolgreich. Insgesamt gewann United zwischen 1993 und 2001 sieben von neun Meistertiteln und setzte dem noch die Krone auf, als man 1999 als erstes englisches Team überhaupt das Triple gewinnen konnte.

Insgesamt blieb United zwischen 1989 und 2001 gegen City ungeschlagen, während die Citizens in den 90er Jahren eine Dekade zum Vergessen erlebten. Negativer Höhepunkt war der Abstieg in die Drittklassigkeit, verbunden mit finanziellen Problemen. Dies muss eine besonders schmerzhafte Zeit für City-Fans gewesen sein, die gleichzeitig zusehen mussten, wie ihr Stadtrivale zu einem der erfolgreichsten und reichsten Clubs der Welt aufstieg und weltweit zu einer Marke wurde, die bis heute von kaum einem anderen Club erreicht wird.

Trotz der einseitigen sportlichen Lage gab es jedoch weiterhin Zündstoff in den Derbys:
Im ersten Old-Trafford-Derby des neuen Jahrtausends im April 2001 kulminierte die langjährige Fehde zwischen Roy Keane und Alfie Haaland. Keane erhielt die Rote Karte, nachdem er Haaland mit einem hüfthohen Tackling zu Boden gebracht hatte.

Die Auseinandersetzung hatte 1997 begonnen, als der damalige United-Kapitän Keane sich bei einem Foul an Haaland (der zu jener Zeit für Leeds United spielte – ebenfalls ein erbitterter Rivale von United) einen Kreuzbandriss zuzog. Während Keane verletzt am Boden lag, beschuldigte Haaland ihn, die Verletzung nur vorzutäuschen.

Das Spiel endete 1:1. United war zu diesem Zeitpunkt bereits englischer Meister, während die zwei verlorenen Punkte City dem späteren Abstieg näherbrachten, der im vorletzten Saisonspiel besiegelt wurde. Es war das erste Mal seit neun Jahren, dass City ungeschlagen aus Old Trafford abreiste, und das erste Mal seit acht Jahren, dass City in keinem Wettbewerb – weder zu Hause noch auswärts – gegen United verloren hatte.

In seiner 2002 veröffentlichten Autobiografie gab Keane zu, dass das Foul eine vorsätzliche Aktion zur Verletzung gewesen sei. Dieses Eingeständnis führte im Herbst desselben Jahres zu einer Geldstrafe von 150.000 Pfund sowie zu einer Sperre von fünf Spielen.

Manchester City erholte sich zwar vom absoluten Tiefpunkt des Abstiegs in die 3. Liga, doch auch in den weiteren Nullerjahren mussten die Citizens zunächst zusehen, wie United unter Sir Alex Ferguson weiter den englischen Fußball dominierte und sich 2008 nach 1968 und 1999 wieder Europas Krone schnappte.

Bis 2008 befand sich Manchester City in einer finanziell äußerst prekären Lage. Der ehemalige thailändische Premierminister Thaksin Shinawatra hatte den Verein ein Jahr zuvor übernommen, doch seine politischen Probleme führten dazu, dass seine Vermögenswerte eingefroren wurden – ein Glücksfall, wie sich später herausstellen sollte.


Im Spätsommer 2008 wurde Manchester City schließlich von der Abu Dhabi United Group übernommen – ein Schritt, der die Rivalität, aber auch die Dynamik in der Stadt Manchester für immer verändern sollte.

Über Nacht verwandelte sich City von einem der finanziell angeschlagenen Premier-League-Clubs zum reichsten Verein der Welt, was sich bereits im ersten Jahr an zahlreichen namhaften Neuzugängen wie Robinho, Vincent Kompany, Gareth Barry, Roque Santa Cruz, Kolo Touré, Emmanuel Adebayor sowie Mario und Joleon Lescott zeigte.

Besonders brisant war der Transfer von Carlos Tevez, der 2008 mit United noch das Double aus Meisterschaft und Champions League gewonnen hatte. Im Sommer 2009 wechselte der Stürmer von den Roten in den Blauen Teil Manchesters, was mit einem Plakat „Welcome to Manchester“ und einem komplett in Blau gehaltenen Tevez-Foto begleitet wurde. Der Transfercoup zeigte deutlich: die „Noisy Neighbours“, wie Sir Alex Ferguson die Citizens getauft hatte, hatten nun die Vormachtstellung in der Stadt und in der Liga im Visier.

Die Dominanz Uniteds in der Liga hielt zunächst weiter an, sodass die Red Devils trotz des neuen Wohlstands der Citizens weiterhin die Nummer 1 der Stadt waren. City gewann zwar 2011 den FA Cup, musste sich im Derby jedoch mit 2:1 durch ein Fallrückziehertor von Wayne Rooney geschlagen geben. Im folgenden Jahr sollte es dann jedoch soweit sein.


2011/12 kam der große Knall zunächst im Oktober, als die neu zusammengekaufte Startruppe der Citizens ins Old Trafford kam. In einem wilden Spiel und durch eine rote Karte für Jonny Evans begründet, spielte sich die Mannschaft von Roberto Mancini in einen Rausch, um Fergusons Meister mit 6-1 im eigenen Stadion zu deklassieren. Spätestens danach war klar, dass die Kräfteverhältnisse der Stadt sich gedreht hatten, wenngleich sich beide Teams in der fortlaufenden Saison ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.

So sollte die Entscheidung erst am letzten Spieltag im Fernduell fallen. United musste auswärts gegen Sunderland gewinnen und gleichzeitig hoffen, dass Man City im Etihad, seit 2003 das neue Zuhause der Skyblues, gegen QPR patzen würde. United machte früh seine Hausaufgaben und gewann das Spiel problemlos mit 1-0 durch ein Tor von Wayne Rooney. City ging durch Zabaleta Ende des ersten Durchgangs in Führung, gab die Partie jedoch nach Seitenwechsel aus der Hand. Obwohl Ex-Citizen Joey Barton mit Rot vom Plat geflogen war, tat sich Mancinis Team gegen defensiv eingestellte Hoops unfassbar schwer, sodass es mit Anbruch der Nachspielzeit noch 2-1 für den Underdog aus London stand.

Als United-Fan sich an diesen Sonntag zu erinnern ist bitter genug, daher muss man nicht ausführlich beschreiben, was dann passierte. Zunächst traf Dzeko nach Ecke zum 2-2, ehe Sergio Aguero wenige Sekunden vor Schluss zum 3-2 für Manchester City traf und damit den Citizens die erste Meisterschaft in 43 Jahren bescherte.

Das stimmungsarme Etihad explodierte voller Ekstase, während die United-Spieler im Stadium of Light angewidert in die Kabine zurückkehrten. In Manchester und im englischen Fußball schien ein Machtwechsel vollzogen, doch Sir Alex Ferguson hatte in seiner letzten Saison noch ein Ass im Ärmel…

2012/13 war die Neuauflage des Duells Rot gegen Blau in der Premier League. Nur gab es im Vergleich zum Vorjahr den Unterschied, dass United mit Neuzugang Robin van Persie eine Wunderwaffe im Arsenal (Pun intended) hatte, die letztendlich den Ausschlag geben sollte. United sollte anders als 2011/12 deutlich wenige Punkte liegen lassen und sich auch für die 1-6-Schmach mit einem Last-Minute-Sieg im Etihad rächen, wodurch man mit relativ komfortablen Vorsprung die 20. Meisterschaft und insgesamt dreizehnte unter Sir Alex perfekt machen konnte.

Uniteds Trainerlegende erhielt einen würdigen Abschied, und es schien, als seien die Kräfteverhältnisse in der Stadt wieder zurechtgerückt. Leider sollte dies (Stand Januar 2026) Uniteds letztes großes Hurra gewesen sein.

Manchester City konnte 2014 unter Manuel Pellegrini den Meistertitel zurückgewinnen – diesmal in einem knappen Rennen mit Uniteds altem Rivalen Liverpool. Danach erlebten auch die Citizens nochmals eine dreijährige Durststrecke. Diese Phase sollte jedoch der Vorbote einer neuen Ära sein, in der „Citeh“ nach Belieben dominieren sollte – dank eines bahnbrechenden Neuzugangs aus Katalonien.


Im Sommer 2016 kam Pep Guardiola ins Etihad, sah sich ein Jahr lang im englischen Fußball um und siegte danach fast wie am Fließband. Mit dem Katalanen und dem unerschöpflichen Geldkoffer aus Abu Dhabi gewannen die Citizens zwischen 2018 und 2024 sechs Meistertitel sowie den Champions-League-Pokal 2023 – und konnten damit, ähnlich wie Manchester United 1999, das Triple gewinnen.

Lediglich im FA Cup Finale 2024 gelang es den Red Devils, sich im ewigen Kampf der Stadtrivalen aufzubäumen und einen Moralsieg zu erringen – in einer Phase, in der die Citizens mühelos die Oberhand behielten und United vor lauter Chaos kaum etwas auf die Beine stellen konnte.

In der Gegenwart hat Man City etwas an Dominanz verloren: Im letzten Jahr musste man den Titel an Liverpool abgeben, und in dieser Saison gilt es noch, ein Defizit gegen die Gunners aufzuholen. Überschattet wird die herrschende Überlegenheit der Citizens weiterhin von den 115 Finanzverstößen aus der Anfangszeit der Abu-Dhabi-Übernahme, die von der Premier League endgültig sanktioniert wurden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass City damals einige Regeln zurechtgebogen hat, doch mit jedem vergangenen Tag scheint es unwahrscheinlich, dass der Verein hierfür noch ernsthaft zur Rechenschaft gezogen wird.

Somit sind die Rollen vor dem morgigen Derby einmal mehr klar verteilt. Nach dem 3:0 im Hinspiel ist Guardiolas Elf auch morgen im Old Trafford klarer Favorit gegen United, das mit Michael Carrick einen neuen Interimstrainer auf der Bank hat. Zwar konnte United, ähnlich wie City unter Sir Alex Ferguson, gelegentlich Achtungserfolge im Derby erzielen, langfristig jedoch scheinen diese Momente immer seltener zu werden, da sich beide Teams leistungstechnisch immer weiter voneinander entfernen – zumindest sportlich gesehen.


Obwohl United-Fans heute Liverpool als ihren Hauptrivalen betrachten, verschärfte sich die Rivalität zwischen den beiden Manchester-Klubs in den 1960er- und 1970er-Jahren, als die Fankultur zunehmend verfeindeter wurde.

Zusätzlich – und in einer besonderen Ausprägung einer stadtinternen Rivalität – werfen sich die Anhänger beider Vereine gegenseitig vor, ihre Stadt nicht wirklich zu repräsentieren. Die blaue Hälfte der Stadt argumentiert, dass ihr Rivale gar nicht innerhalb der Stadtgrenzen von Manchester spiele (sondern in Trafford) und seinen Namen daher nicht verdiene. Die rote Hälfte hingegen streitet darüber, welcher Klub tatsächlich mehr Anhänger innerhalb der Stadt habe, was sich in einem bekannten Fangesang niederschlägt:

“The city is yours? The city is yours? 20.000 empty seats are you f***ing sure?”

City-Fans machen sich zudem häufig über United-Anhänger lustig, indem sie sie als „Touristen“ bezeichnen – eine Anspielung auf Uniteds weltweite Fanbasis. Ihrer Darstellung nach sei City der Verein der Einheimischen, während United-Fans aus London anreisen oder für einen Tagesausflug aus Europa und Asien einfliegen.

Letztendlich liegt die Wahrheit, wie immer, irgendwo dazwischen. Trotz der neuen Erfolge von Manchester City hat Manchester United global gesehen mehr Fans, dafür scheint das Verhältnis innerhalb von Manchester und Umgebung (Greater Manchester) eher ausgeglichen zu sein. Von Altrincham bis Stockport, von Salford bis Gorton, von Oldham bis Bury und von Trafford bis Rochdale verlaufen die Grenzen durch Nachbarschaften, Büros und sogar Familien. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Brüderpaare oder Elternteile Fans von City oder United sind.

Unbestritten ist jedoch, dass der Fußball in Manchester wie in fast keiner anderen Stadt auf der Erde gelebt wird. Egal, in welche Straße man einbiegt, findet man Wandgemälde, Sticker, Plakate oder andere Anspielungen auf die beiden Clubs der Stadt. Der Fußball, der ohnehin seine Wurzeln im Nordwesten Englands hat, dominiert das Leben in Manchester – egal ob man rot oder blau ist.

Love will tear us apart again

Und dann wäre da noch die Musik. Neben den beiden Manchester-Clubs und der reichen Geschichte der Stadt als Geburtsort der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert ist Manchester vor allem für eines bekannt: seine Musikszene!

Von New Order, Joy Division, Stone Roses, Happy Mondays, The Smiths, The Verve, den Buzzcocks bis hin zu Oasis – Manchesters Musikszene kann sich sehen lassen und ist neben dem Fußball das Aushängeschild der nordenglischen Arbeiterstadt.

Auch hier verlaufen die Fanzugehörigkeiten quer durch die verschiedenen Bands. Die Brüder Noel und Liam Gallagher von Oasis sind die prominentesten City-Fans, was unter anderem Wayne Rooney und Gary Neville zu spüren bekamen.

Als Noel Gallagher in Gary Nevilles Hotel übernachtete, überreichte er ihm eine Gitarre mit der Aufschrift:

„Lieber Gary, wie viele Länderspiele hast du für England gemacht!! Wie viele hast du verdient?? Ich sage es dir… F***ing keins!! Liebe Grüße, Noel Gallagher x M.C.F.C.“

Weitere bekannte Citizens aus der Musikwelt sind Johnny Marr von The Smiths sowie Reni, der Drummer der Stone Roses.

Die Band Stone Roses gilt hingegen als die mit der größten United-Affinität. Sänger Ian Brown ist ein bekannter „Red Devil“; der Song der Band „This Is the One“ wird im Old Trafford vor jedem Anstoß gespielt.

Brown ist der einzige Manchester-United-Anhänger in einer Familie voller „Sky Blues“, wie er dem Guardian erzählte:

„Mein Vater und meine Onkel sind City. Mein Bruder, meine Nichte und mein Schwager haben Dauerkarten bei City. Meine Oma und mein Opa haben mir früher City-Spardosen, Fahnen und solche Sachen gekauft; und ich dachte nur: ‚Ich will das nicht, ich bin United!‘“

„Mani [der Bassist] ist der verrückteste United-Fan, den ich je getroffen habe“, erinnerte sich Brown. „1994, als wir Second Coming aufnahmen, sagte Mani: ‚Nächstes Jahr wird ein großartiges Jahr. Wir werden die Liga gewinnen und nach Amerika gehen.‘ So hat er sein Leben eingeteilt.“

Als Mani vor einigen Wochen plötzlich starb, kam jedoch die ganze Stadt zusammen, um ihren Sohn würdig zu verabschieden. Zu den Trauergästen in der Manchester Kathedrale zählten einige der größten Namen der britischen Musik der 1980er- und 1990er-Jahre, darunter seine ehemaligen Bandkollegen Ian Brown und Bobby Gillespie, ebenso wie Oasis-Frontmann Liam Gallagher und Paul Weller. Auch die früheren United-Legenden David Beckham und Gary Neville waren anwesend.

So ist es in Manchester üblich.

Das rote und das blaue Manchester sind wahrlich Brüder, aber eben keine Freunde – schon gar nicht an einem Derby-Wochenende. Wenn es jedoch hart auf hart kommt, hält die Stadt zusammen.

Als Old Trafford während 1941 im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde, bot Manchester City United eine Heimstätte an, bis deren Stadion wieder aufgebaut war. Von 1946 bis 1949 trugen beide Mannschaften ihre Heimspiele im Maine Road aus.

Am 6. Februar 1958, als das Flugzeug, das die Mannschaft von Manchester United nach einem Europapokalspiel zurückbrachte, bei winterlichen Bedingungen auf der Startbahn in München abstürzte und 23 Menschen das Leben kostete, stand die Stadt Manchester wie nie zuvor geschlossen zusammen.

Am 50. Jahrestag dieser Tragödie im Jahr 2008 führten es die Spielpläne auf beinahe schicksalhafte Weise herbei, dass Manchester United und Manchester City in Old Trafford aufeinandertrafen. Erneut wurden – als es am wichtigsten war – Rivalitäten beiseitegeschoben: 3.000 City-Fans hielten gemeinsam mit den United-Anhängern ihre Schals in die Höhe, während eine Schweigeminute in vollkommener Würde abgehalten wurde.

In der modernen Ära kann man wohl sagen, dass es nie wirklich eine freundschaftliche Rivalität war – ganz im Gegensatz zum Merseyside-Derby, bei dem es nichts Ungewöhnliches ist, Liverpool- und Everton-Fans friedlich nebeneinandersitzen zu sehen. In den letzten Jahren sind die Klubs sportlich zu oft und zu hart aneinandergeraten, als dass dies noch freundschaftlich über die Bühne gehen könnte.

Man würde keinen City-Schal im Stretford End erwarten, ebenso wenig wäre ein rotes Trikot im Heimbereich des Etihad – oder früher im Maine Road – gut angekommen. Doch bei aller Leidenschaft und all den Meinungsverschiedenheiten der vergangenen rund 144 Jahre gilt: Wenn es wirklich darauf ankommt, wird diese Trennung ausgeblendet, und die Stadt kommt als Einheit zusammen.

Morgen jedoch steht das 198. Derby an – und dann wird die Stadt wieder in Rot und Blau geteilt, ein Spiel wie kein anderes auf das sich Fans nicht nur in Manchester, sondern auf der ganzen Welt freuen…

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